Räumung des KZ Mittelbau-Dora

Erster Teil der Ausstellung

Informationen zum ersten Teil der Ausstellung (Räumung des KZ Mittelbau-Dora) finden Sie hier

Bergen-Belsen und die Todesmärsche

Mit der Räumung frontnaher Lager wurde das KZ Bergen-Belsen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs zu einem Auffang- und Sterbelager.

Das KZ Bergen-Belsen diente ab 1943 der Unterbringung jüdischer Häftlinge, die gegen im Ausland internierte Deutsche ausgetauscht werden sollten. 1944 wurden durch die SS auch ein Männerlager für nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge sowie ein Frauenlager eingerichtet.

Zwischen Dezember 1944 und Mitte April 1945 kamen etwa 85 000 Häftlinge mit Räumungstransporten und Todesmärschen nach Bergen-Belsen. In dem überfüllten Lager gab es weder ausreichend Nahrung noch genügend Unterkünfte, kaum sanitäre Anlagen und keine medizinische Versorgung. Typhus- und Fleckfieberepidemienbrachen aus. Ein Massensterben setzte ein.

Am 15. April 1945 befreiten britische Truppen das Lager. Zwischen 1943 und 1945 befanden sich schätzungsweise 120 000 Frauen, Männer und Kinder im KZ Bergen-Belsen. Mindestens 52 000 von ihnen kamen um.

Transporte in das KZ Bergen-Belsen, Dezember 1944 bis April 1945 (Forschungsstand 2007) Gedenkstätte Bergen-Belsen

Ankunft in Bergen-Belsen

An der Verladerampe am Stadtrand von Bergen kamen Zehntausende
KZ-Häftlinge an.

Die Verladerampe wurde 1936 als Eisenbahnzubringer für den nahe gelegenen Truppenübungsplatz gebaut. Die oftmals geschwächten und kranken Häftlinge, die dort zwischen 1943 und 1945 ausgeladen wurden, mussten die sechs Kilometer lange Strecke bis zum Hauptlager des KZ Bergen-Belsen zu Fuß zurücklegen. Auch die meisten Häftlinge aus den geräumten Mittelbau-Lagern kamen zwischen dem 8. und 11. April 1945 an der Rampe an. Nach den Strapazen einer tagelangen Fahrt ohne Nahrung befanden sie sich in einem katastrophalen Zustand. Dutzende Leichen wurden aus den Waggons auf die Rampe geworfen. Häftlinge, die den Fußmarsch in das Lager nicht schafften, erschoss die SS auf dem Weg.

Zeitgleich zur Ankunft der Transporte aus Mittelbau verließen etwa 6700 jüdische Häftlinge des Austauschlagers das KZ Bergen-Belsen. Nur ein Zug erreichte das ursprüngliche Ziel Theresienstadt. Die anderen Transporte wurden nach Irrfahrten von alliierten Truppen befreit.

Postkarte des Truppenübungsplatzes Bergen, 1938. Ab 1935 entstand im Rahmen der Kriegsvorbereitungen des NS-Regimes der Truppenübungsplatz Bergen mit einem ausgedehnten Kasernenkomplex. Anfang April 1945 benötigte die SS aufgrund der Überfüllung des Hauptlagers weiteren Platz, um Häftlinge unterzubringen. Die Wehrmacht räumte daraufhin einen Teil des Kasernengeländes, auf dem die Häftlinge des KZ Mittelbau-Dora untergebracht wurden. Gedenkstätte Bergen-Belsen
Fragment einer Transportliste, April 1945. Für den „Waggon 16“ wurden 120 Nummern von Häftlingen und vier Namen von SS-Leuten verzeichnet. Dieses einzelne Blatt ist eines der wenigen überlieferten Dokumente zu den Räumungstransporten des KZ Mittelbau-Dora. Es wurde unmittelbar nach der Befreiung von einer Überlebenden in der Nähe des KZ Bergen-Belsen gefunden. Gedenkstätte Bergen-Belsen (Schenkung Gizela Fudem)

Kasernenlager

Das Kasernenlager des KZ Bergen-Belsen bestand nur eine Woche bis zur Übergabe an die britische Armee am 15. April 1945.

Anfang April 1945 räumte die Wehrmacht den südöstlichen Teil des zum Truppenübungsplatz Bergen-Hohne gehörigen Kasernenkomplexes. Zwischen dem 8. und 11. April 1945 wurden dort

mehr als 15 000 männliche Häftlinge des KZ Mittelbau-Dora untergebracht. Über die Hälfte waren Menschen aus der Sowjetunion und Polen, die aus politischen Gründen verfolgt wurden. Die Lebensbedingungen im Kasernenlager waren geringfügig besser als in dem etwa zwei Kilometer entfernten Hauptlager. Trotzdem starben innerhalb kürzester Zeit Hunderte Häftlinge, vor allem an Hunger und Krankheiten. Auch kam es zu Erschießungen durch die Wachmannschaft, die aus SS-Leuten und Soldaten der ungarischen Armee bestand. Während der Befreiung ereigneten sich Fälle von Lynchjustiz, der Dutzende Funktionshäftlinge („Kapos“) zum Opfer fielen.

Zeichnung von Leon Delarbre, April 1945. Notiz auf der Zeichnung: «Dans le grenier – attente – Bergen» (Auf dem Dachboden – Warten – Bergen) Renée Billot, Léon Delarbre. Le Peintre deporté, Jarville-La Malgrange 1989

Befreiung

Am 15. April 1945 übergaben SS und Wehrmacht im Rahmen eines lokalen Waffenstillstandsabkommens das KZ Bergen-Belsen kampflos an die britische Armee.

Die britischen Soldaten waren nicht auf das vorbereitet, was sie bei ihrem Eintreffen vorfanden. Im Hauptlager befanden sich etwa 38 000 hungernde, schwerkranke und sterbende Menschen. Tausende Leichen lagen in den Baracken und auf dem Lagergelände. Auch im Kasernenlager mussten etwa 15 000 Überlebende dringend mit Nahrung und medizinischer Hilfe versorgt werden. Es galt zudem, Plünderungen und Lynchjustiz zu unterbinden sowie Täter festzunehmen. Die Briten forderten umgehend Sanitäts- und Versorgungseinheiten an, so dass sich innerhalb kurzer Zeit rund 3000 britische Soldaten, das Rote Kreuz und andere humanitäre Organisationen vor Ort befanden, um sich um die befreiten Häftlinge zu kümmern.

Befreite Häftlinge im Kasernenlager Bergen-Belsen, 16. April 1945. Gedenkstätte Bergen-Belsen (Sammlung Robinson)
„Frühstück am zweiten Tag“, undatiert (16./17. April 1945). Liste der Frühstücksrationen für die etwa 15 300 befreiten Häftlinge mit der Belegung von Kasernenblocks, erstellt und mit handschriftlichen Angaben versehen durch William E. Roach. Gedenkstätte Bergen-Belsen (Schenkung William E. Roach)

Leben im befreiten Lager

Das Leben im befreiten Lager Bergen-Belsen war in den ersten Wochen geprägt von Rettungsmaßnahmen der britischen Befreier. Gleichzeitig begann die Repatriierung der westeuropäischen Überlebenden.

Unmittelbar nach der Befreiung richteten die Briten auf dem Kasernengelände ein Nothospital ein, um die vielen Tausend schwerkranken Überlebenden des Konzentrationslagers medizinisch zu versorgen. Für viele der Befreiten kam diese Hilfe zu spät: Bis Ende Juni 1945 starben etwa 14 000 Menschen an den Folgen der Haft. Die Mehrzahl der ehemaligen Häftlinge kehrte bis Herbst 1945 in die Heimat zurück. Bei der Registrierung und Repatriierung der Überlebenden halfen die kurz nach der Befreiung gegründeten Nationalkomitees. Zurück blieben etwa 10 000 nichtjüdische polnische Staatsangehörige sowie etwa 10 000 Juden, vor allem aus Polen und Ungarn. Letztere lebten, teils jahrelang, im Displaced Persons Camp in der Kaserne und warteten auf die Auswanderung in andere Länder.

 

 

„Das [tschechoslowakische] Komitee hat eine Danksagungsadresse an den Kommandanten [Roach] des hiesigen Lagers gerichtet, als den Vertreter der britischen Armee, für unsere Befreiung aus der germanischen Sklaverei. […] Heute [19. April] übergab das Komitee die Urkunde, und wie es uns mitteilte, war der Kommandant sehr gerührt und erklärte, etwas Ähnliches sei ihm noch nie passiert und er wolle diese Aufmerksamkeit schätzen […].“

Erinnerungsbericht von Jaroslav Piroutek, 1946.
Übersetzung aus dem Tschechischen
Gedenkstätte Theresienstadt, Terezín

Dankesurkunde des tschechoslowakischen Komitees an den befehlshabenden britischen Offizier William E. Roach, 18. April 1945. „Tschechoslowaken aus dem deutschen Konzentrationslager ‚Dora’ danken der königlichen Armee seiner Majestät und Ihnen als deren Repräsentanten für die Befreiung aus der Not der deutschen Sklaverei. Gott schütze den König! Bergen, 18. April 1945.“ Übersetzung aus dem Englischen Gedenkstätte Bergen-Belsen (Schenkung William E. Roach)

Spuren

Auch 70 Jahre nach Kriegsende finden sich noch immer Spuren der Räumungstransporte und Todesmärsche vom Frühjahr 1945.

Unmittelbar nach der Befreiung sorgten die Alliierten dafür, dass die an Wegrändern oder entlang der Bahnstrecken zurückgelassenen oder notdürftig verscharrten Leichen würdig bestattet wurden. Zugleich bemühten sie sich, Schuldige ausfindig zu machen und vor Gericht zu stellen. Später ermittelte auch die deutsche Justiz gegen einzelne Täter. Kaum einer wurde verurteilt. In den 1950er und 1960er Jahren ließen deutsche Behörden, teils auf Veranlassung aus dem Ausland, vielfach Tote exhumieren und auf Sammelfriedhöfen bestatten oder in die Herkunftsländer überführen. Noch Jahre nach dem Krieg fand man entlang der Todesmarschrouten oder in ehemaligen Lagern sterbliche Überreste von KZ-Opfern. Trotz intensiver Suche durch Angehörige und Gedenkstätten bleiben bis heute Tausende Opfer verschollen.

Entdeckung eines Massengrabs in der Kaserne Bergen-Hohne
Im November 1982 wurden in der Kaserne Bergen-Hohne bei Arbeiten zum Bau einer Sporthalle mehrere Skelette entdeckt. Nachgrabungen führten zum Auffinden eines 35 Quadratmeter großen Massengrabs, in dem die sterblichen Überreste von 64 Menschen lagen. Gerichtsmedizinische Untersuchungen ergaben, dass es sich bei den Opfern vermutlich um Häftlinge aus dem Kasernenlager des KZ Bergen-Belsen handelte, die nicht durch eine direkte Gewaltanwendung umgekommen waren. Die exhumierten Opfer wurden im Januar 1983 auf einem der Friedhöfe in der Kaserne bestattet. Das Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen Verdacht des Mordes wurde im April 1983 eingestellt. 

Exhumierungsarbeiten nahe Clausthal-Zellerfeld, 1951. Am Hirschler Brink exhumierte eine deutsche Kommission Opfer der Todesmärsche. Einige konnten identifiziert und in ihre Heimat überführt werden, andere wurden auf den Ehrenfriedhof Holzen bei Holzminden umgebettet. KZ-Gedenkstätte Dachau (Nachlass Günther Paul Schulz)
In dem Massengrab fand man verschiedene Gegenstände, darunter einen Esslöffel, eine Metalldose mit zwei Wertmarken aus dem KZ Mittelbau-Dora und zwei Plastikarmbänder, die um die Handgelenke von Opfern gebunden waren. Diese Objekte wurden nach dem Abschluss des Ermittlungsverfahrens an die Gedenkstätte Bergen-Belsen übergeben. Gedenkstätte Bergen-Belsen

Epilog

Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen sind heute Gedenkstätten mit würdig gestalteten Friedhöfen. Auch an vielen anderen Orten zwischen Harz und Heide erinnern Gräber und Gedenkzeichen an die Verbrechen während der Todesmärsche und Räumungstransporte. Die meisten Deutschen verweigerten sich nach dem Krieg einer Auseinandersetzung mit den in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft begangenen Verbrechen. Die Pflege der Gräber und die Suche nach Verschollenen überließen sie den Überlebenden und den Angehörigen der Opfer. Erst in den 1980er Jahren begannen Privatpersonen und Bürgerinitiativen, den Spuren der vor Ort begangenen NS-Verbrechen nachzugehen. Vielen Menschen in Deutschland ist heute das Ausmaß dieser Verbrechen im Frühjahr 1945 dennoch nicht bekannt.

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