Zum Geleit

Ende März 1945 befanden sich auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsens noch Hundertausende KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Insassen von Strafanstalten in den Händen ihrer Peiniger. Wenige Wochen später waren viele Zehntausend von ihnen tot – ermordet auf Todesmärschen oder infolge Seuchen und Erschöpfung in Lagern wie dem KZ Bergen-Belsen zugrunde gegangen. Für sie kam die Befreiung zu spät.

Viele andere aber konnten Briten und Amerikaner befreien. Der 9. April in Moringen, der 11. April in Salzgitter und Wolfenbüttel, der 15. April in Bergen-Belsen oder der 29. April in Sandbostel – für die Befreiten markieren diese Daten das Ende von Verfolgung und unmittelbarer Todesbedrohung – und einen Neuanfang in Freiheit.

Es ist den Briten und Amerikanern und ihren Alliierten zu verdanken, dass es in Niedersachsen überhaupt Befreite gab. Die Befreiung kam von außen, und unzählige britische und amerikanische Soldaten ließen dafür ihr Leben. Der 70. Jahrestag der Befreiung ist Anlass, den Befreiern zu danken. Er ist zugleich ein Tag, an dem derer gedacht wird, die ihre Befreiung nicht mehr erleben konnten. Zu den landesweiten Veranstaltungen zu den Jahrestagen der Befreiung erwarten wir mehr als 100 Überlebende des nationalsozialistischen Terrors aus allen Teilen der Welt. Sie kommen an die Stätten des Leidens zurück, um der Toten zu gedenken und sich gemeinsam an ihre Befreiung vor 70 Jahren zu erinnern, an den Augenblick, in dem ihre Peiniger die Flucht ergriffen, an den langen Weg zurück in die Heimat (wenn es die noch gab), an das Wiedersehen mit Freunden und Angehörigen – und an die hoffnungsvollen Erwartungen, die sie im Frühjahr 1945 auf eine friedliche Zukunft richteten.

Allzu oft hat sich diese Erwartung aber nicht erfüllt. Wenn die Überlebenden 70 Jahre nach ihrer Befreiung noch einmal den beschwerlichen Weg zurück an ihre Leidensstätten aufnehmen, dann auch in dem Wunsch, ihrer Forderung nach einer Welt Nachdruck zu verleihen, in der, wie die Präsidenten der Internationalen Lagerkomitees 2009 öffentlich forderten, „Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben“.

Mit dieser Forderung sollen die Überlebenden nicht alleine stehen. Zugleich wollen wir uns bemühen, ihnen beeindruckende und würdige Tage der Erinnerung an die Befreiung vor 70 Jahren zu ermöglichen, Gedenktage, an denen diejenigen im Mittelpunkt stehen, die im April 2015 unsere Ehrengäste sind: die Überlebenden und ihre Angehörigen.

Gedenken braucht mehr als Erinnerung, es braucht Wissen. Die Gedenkstätten in Niedersachsen haben deshalb zum 70. Jahrestag der Lagerbefreiungen ein breites Programm aufgestellt, das neben Gedenkveranstaltungen auch Lesungen, Filmvorführungen, Tagungen, Ausstellungseröffnungen und andere Formate umfasst, die das Ziel einer nachhaltigen und kritischen Auseinandersetzung mit der Geschichte haben.

Dr. Jens-Christian Wagner